Workshop

Wie viel Fake News verträgt die moderne Gesellschaft?

Eine lebendige Demokratie ist auf gut informierte Bürger*innen angewiesen. Was aber, wenn Fakten - etwa über die Corona-Pandemie oder das Impfen - von Falschmeldungen verdrängt werden? Welche Folgen hat es, wenn immer mehr Menschen auf Verschwörungserzählungen vertrauen?

Zehn Expert*innen diskutierten in einem digitalen Workshop des Roman Herzog Instituts (RHI) über die Bedeutung von Information und Desinformation für die politische Kultur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Parallelwelten in perfider Perfektion

"Fake News sind ansteckend, heimtückisch und kommen in gefährlichen Mutationen vor - ähnlich wie das Coronavirus", sagte RHI-Vorstandsvorsitzender und Gastgeber Randolf Rodenstock.

Dass manipulierte Nachrichten, Fotos, Videos und Podcasts in den sozialen Medien viral gehen, hat auch mit ihrer technischen Perfektion zu tun. Denn dank künstlicher Intelligenz und mithilfe entsprechender Tools ist es heute leicht, Bilder und Stimmen realer Personen zu fälschen.

Diese sogenannten Deep Fakes zu enttarnen, ist dagegen kompliziert, erläuterte KI-Experte Damian Borth. Er hält Maßnahmen wie digitale Wasserzeichen und strengere Regeln für Plattformbetreiber für wirksame Gegenstrategien.

Wichtig ist auch ein aufgeklärt kritischer Umgang der Nutzer*innen mit Informationen. Die Statistikerin Katharina Schüller empfiehlt, Nachrichten grundsätzlich zu hinterfragen - sogar dann, wenn sie dem Erwarteten entsprechen.

Jeder ist sein eigener Chefredakteur

Mit Aufklärung allein ist dem Phänomen Fake News nicht beizukommen, betont der Jurist Jens Kersten. Er sieht die gezielte Verbreitung von Verschwörungsmythen und identitärem Gedankengut in den sozialen Medien als einen Kulturkampf, ein Aufbegehren gegen die pluralistischen Institutionen.

Viele Menschen hätten das Vertrauen verloren in die Instanzen, die ihnen früher Orientierung geboten hätten, wie Kirchen oder Parteien. Auch die klassischen Medien haben viel Vertrauen verspielt, war die einhellige Meinung der Fachleute.

Die etablierten Medien hätten nicht rechtzeitig erkannt, dass die Menschen heute weniger an der Meinungsbildung als an der Herstellung und Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen interessiert sind, so RHI-Beiratsmitglied Dagmar Schipanski. Diese Leerstelle sei von Netzwerken wie Facebook und Twitter ausgefüllt worden. Dort kann jede*r Nachrichten empfangen, selbst senden und Gleichgesinnte um sich scharen.

Fakten als Verhandlungsmasse

Aus den Massenmedien wurden somit Medien für Massen. Algorithmen steuern, welche Ergebnisse Google auf Suchanfragen anzeigt oder welche Produkte Amazon "empfiehlt". Nach Ansicht von Kritikern werden die Nutzer dadurch einseitig in ihren Vorlieben bestärkt und bekommen in ihren Echokammern nur noch die eigenen Gewohnheiten und die Haltungen ihrer Peergroups gespiegelt.

Getrieben wird diese Entwicklung auch von dem Wunsch vieler Menschen nach Zugehörigkeit zu einer Sicherheit versprechenden Gemeinschaft, so der Soziologe Georg Soeffner. Der Wahrheitsgehalt von Informationen ist hier weniger entscheidend als die gemeinschaftliche Gesinnung. Die Berufung auf Fakten dient dabei nicht mehr zur Herstellung einer gemeinsamen gesellschaftlichen Basis.

Schatztruhe oder Büchse der Pandora?

Eindringlich warnten die Expert*innen davor, Fake News als ein reines Zeitgeist-Phänomen abzutun. Doch einfache Rezepte zu ihrer Bekämpfung gibt es nicht. Strikte Verbote gegenüber Plattformbetreibern etwa würden die Meinungsfreiheit gefährden.

Auch dürften die positiven Effekte von sozialen Netzwerken nicht verkannt werden - schließlich dienen sie ja nicht nur dazu, Desinformation zu verbreiten. Vielfach ermöglichen sie erst, dass Menschen überhaupt miteinander in Kontakt treten - etwa in der Pandemie, wenn sich physische Begegnungen aus gesundheitlichen Gründen verbieten.

Es braucht vor allem mehr kritisches Bewusstsein bei den Nutzer*innen, mehr Vertrauen in die demokratischen Institutionen und mehr Meinungsvielfalt in allen Medien, um die schädlichen Folgen manipulierter Informationen für die Gesellschaft abzuwenden.

Referenten

Prof. Dr. Damian Borth

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Prof. Dr. Dominik H. Enste

Wirtschaft, Ökonomie, Ethik

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Richard Gutjahr

Journalismus, Medienwissenschaft

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Prof. Dr. Jens Kersten

Recht

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Prof. Dr. Christoph Lütge

Philosophie, Ökonomie, Ethik

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Dr. Florian Neumann

Geschichte

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Prof. Randolf Rodenstock

Wirtschaft, Ökonomie

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Prof. Dr.-Ing. habil. Dr. h. c. Dagmar Schipanski

Weitere Wissensbereiche, Politik, Bildung, Gesellschaft

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Katharina Schüller

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Seniorprofessor Dr. Hans-Georg Soeffner

Soziologie, Politik, Theologie

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Prof. Dr. Neşe Sevsay-Tegethoff

Ökonomie, Soziologie, Ethik

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Tina Maier-Schneider

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Dr. Markus Maximilian Armbruster

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