Unternehmen und Staat in der Verantwortung

Rückblick Roman Herzog Forschungspreis 2022

Zum neunten Mal wurde am 25. Oktober 2022 der Roman Herzog Forschungspreis Soziale Marktwirtschaft verliehen. Die drei ausgezeichneten Wissenschaftler beschäftigen sich in ihrer Forschung mit verantwortungsvoller Unternehmensführung, den Pflichten von Investoren in internationalen Geschäften und dem deutschen Fiskalföderalismus. „Die Preisträger liefern wichtige Impulse mit Blick auf die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und die Rolle des Staates. Sie zeigen, dass die Soziale Marktwirtschaft uns auch im internationalen Maßstab Lösungen bieten kann“, sagte RHI-Vorstandsvorsitzender Randolf Rodenstock beim Festakt im Literaturhaus München.

Schnurstracks in die Stagflation?
Die ökonomischen Perspektiven in der Zeitenwende beschrieb Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts München, in seiner Festrede. Kurzfristig sieht er die Gasknappheit als die größte Herausforderung an: „Dass die Gasvorräte nicht reichen, um durch den Winter zu kommen, ist ein Szenario, das wir unbedingt vermeiden müssen.“ Mittelfristig setzt der Ökonom darauf, Gas durch andere Energieträger zu ersetzen, doch bis dahin sei eine Übergangslösung essenziell. Die Politik habe versäumt, rechtzeitig über Alternativen zu Kohle und Atomstrom nachzudenken. Angesichts der Gemengelage zwischen weltweiter wirtschaftlicher Verflechtung und geopolitischen Konflikten rät Fuest zu einem neuen Denken: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass unsere politischen Gegner gleichzeitig unsere wirtschaftlichen Partner sind.“

Investoren in die Pflicht nehmen
Mit dem ersten Preis und einem Preisgeld von 20.000 Euro wurde Dr. Patrick Abel ausgezeichnet. Er zeigt auf, wie sich Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft auch im internationalen Kontext anwenden lassen. Das internationale Investitionsschutzrecht dient dazu, Anreize für Auslandsinvestitionen zu setzen. Es erleichtert Konzernen aber auch, nationales Recht zu umgehen. In seiner Dissertation entwickelt Abel ein Modell dafür, die Rechte von internationalen Investoren an bestimmte Pflichten – etwa in Bezug auf Klimaschutz, Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit – zu koppeln. Durch ein derart reformiertes Investitionsschutzrecht können Verantwortungslücken in internationalen Wirtschaftsbeziehungen geschlossen werden, ohne unternehmerische Freiheiten drastisch einzuschränken.

Interne Kontrolle gegen White-Collar-Crime
Der zweite Preis und damit 10.000 Euro gingen an Dr. Max Braun. In seiner Dissertation, die an der Schnittstelle zwischen Betriebswirtschaftslehre und Sozialpsychologie angesiedelt ist, analysiert der Ökonom die Mechanismen von Wirtschaftskriminalität. Sie führt, wie der Fall wirecard zeigt, nicht nur zu finanziellen Verlusten in Unternehmen, sondern beschädigt auch das Vertrauen in die Wirtschaftsordnung. Braun identifiziert als Treiber von kriminellem Verhalten in Unternehmen vor allem interne Faktoren – wie die mangelnde Kontrolle durch Aufsichtsräte und aggressive Formen der Anreizvergütung. Im Rahmen von Corporate Governance könnten solche Strukturen besser gestaltet und kriminelle Aktivitäten wirksam begrenzt werden.

Kommunale Selbstverwaltung stärken
Dr. Dominik Frankenberg erhielt für seine Dissertation den dritten, mit 5.000 Euro dotierten Preis. Viele Kommunen sehen sich heute nur noch als Vollstrecker der staatlichen Verwaltung. Der Preisträger empfiehlt, dass der Bund mehr Finanzhilfen ohne Zweckbindung an die Kommunen vergibt. So können diese vor Ort eigene Schwerpunkte setzen, die Mittel effizienter einsetzen und größere Autonomie erlangen. Zudem ist das Transfersystem bedarfsgerecht zu gestalten, was eine hohe Qualität der amtlichen Daten erfordert. Die Reform des Finanzausgleichs ist ein wichtiger Schritt, um die kommunale Selbstverwaltung als Kern der föderalen Ordnung Deutschlands zu stärken.

Sind wir als Gesellschaft krisenfest?
Im Generationentalk betonten die Preisträger übereinstimmend, dass die Soziale Marktwirtschaft ein funktionierendes, lebendiges und anpassungsfähiges System. Ihre Vorzüge sehen sie jedoch vor allem von jüngeren Menschen häufig unterschätzt. Mit Blick auf die gegenwärtigen Krisen schloss sich Gastgeber Rodenstock diesem Urteil an: „Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb der Systeme. Umso dringender ist es, sich mit den Stärken und Schwächen unserer Wirtschaftsordnung zu befassen.“ Dazu lud der RHI-Vorstandsvorsitzende umgehend ein: Bis Jahresende können Bewerbungen für den Roman Herzog Forschungspreise 2023 eingereicht werden. Mehr Information dazu finden Sie hier.

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