Zum Tod von Roman Herzog

„Wir verlieren einen großen Staatsmann, Förderer und Freund.“

Randolf Rodenstock, Vorstandsvorsitzender Roman Herzog Institut e.V.

Die Deutschen hätten einen „tief eingewurzelten Wunsch nach Heldenverehrung“, sagte Roman Herzog bei einem seiner zuletzt seltenen öffentlichen Auftritte. Hierzulande würde man an Politiker überhöhte Ansprüche stellen: „Sie dürfen eigentlich gar nichts mehr tun als Vorbilder für alles und jedermann sein.“ Dabei hat Roman Herzog in seiner langen Karriere – als Hochschullehrer, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Bundespräsident und schließlich auch in seinem ehrenamtlichen Wirken für das Roman Herzog Institut (RHI) – Maßstäbe gesetzt für das, was in der Politik als Vorbild gelten kann. Ihm selbst war ein solches Denken, das er „ethischen Rigorismus“ nannte, fremd.

Roman Herzog und das RHI

Das RHI wurde im Jahr 2002 gegründet. Den ehemaligen Bundespräsidenten Herzog als Namensgeber für ein Institut zu gewinnen, das die Lebens- und Arbeitswelt von morgen erforscht, geht auf die Initiative von Randolf Rodenstock zurück. Als damaliger Präsident der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. konnte er Roman Herzog nach dem Ausscheiden aus seinen politischen Ämtern überzeugen, die Rolle eines Beraters und wissenschaftlichen Mentors für einen Thinktank zu übernehmen, der den interdisziplinären Diskurs zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen institutionalisieren sollte.

Auch im hohen Alter war Roman Herzog neuen, innovativen Ideen und unkonventionellen Denkanstößen gegenüber stets aufgeschlossen. Daher ließ er es sich nicht nehmen, den nach ihm benannten Forschungspreis Soziale Marktwirtschaft zu überreichen, mit dem das RHI seit 2014 junge Wissenschaftler für ihre herausragenden Denkansätze zur Weiterentwicklung unserer Wirtschaftsordnung auszeichnet. Mit seinem ehrenamtlichen Engagement am RHI trat er für die Ziele ein, die ihm zeitlebens wichtig waren: die freiheitliche Gesellschaftsordnung, die Soziale Marktwirtschaft, Bildung und Forschungsförderung. „Ihm verdankt das Roman Herzog Institut wertvolle Impulse zum Vor- und Querdenken“, würdigt RHI-Vorsitzender Randolf Rodenstock die Verdienste Roman Herzogs um die Arbeit am RHI.

Pragmatischer Problemlöser

Roman Herzog war ein Pragmatiker, der die drängenden Probleme unserer Zeit beherzt beim Namen nannte. Bis zuletzt trieb ihn die Frage um, welche Reformen in Staat und Gesellschaft nötig sind, um die vielfältigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern. Wie kann sich die Soziale Marktwirtschaft im globalen Wettbewerb behaupten? Was muss sich in der Bildungspolitik ändern, um den Nachwuchs besser zu qualifizieren? Ist der Generationenvertrag angesichts der Alterung unserer Gesellschaft noch zeitgemäß? Wodurch kann die Europäische Union die Vertrauenskrise ihrer Bürger überwinden?

Diesen Themen galt schon während seiner aktiven politischen Laufbahn sein besonderes Augenmerk. Als Ruheständler und Ehrenvorsitzender des Roman Herzog Instituts brachte er sich weiterhin intensiv in den Diskurs um die Entwicklung Deutschlands ein. An den Veranstaltungen des RHI nahm er regelmäßig teil, soweit es sein Terminkalender und seine Gesundheit zuließen. So manche Talkrunde bereicherte er mit seiner langjährigen politischen Erfahrung und seiner Lebensklugheit, mit profundem Wissen – und mit seinem Witz.

Freund klarer Worte

Das „Querdenken“ ist stets ein wichtiger Aspekt für Roman Herzog gewesen – was bei einem Juristen und Verfassungsrechtler auf den ersten Blick verwundern mag. Er war zutiefst davon überzeugt, dass neue Erkenntnisse und bahnbrechende Entwicklungen sowohl in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen als auch in Politik und Gesellschaft nur durch die Überwindung starren Schubladendenkens zu erreichen sind. In der Wissenschaft sei es wie beim Friseur, scherzte er, gelegentlich müsse einer zum Zuge kommen, der gegen den Strich bürstet.

Für eine offene, freie Gesellschaft und die Zukunft unserer Kinder

Anlässlich zahlreicher Veranstaltungen im RHI kam er immer wieder auf „seine“ Anliegen zu sprechen: Die Zukunft der nachfolgenden Generationen, die Bildungschancen von Kindern, die Sorge vor dem Auseinanderbrechen der offenen und freiheitlichen Gesellschaft, der drohende Verlust des Vertrauens in die Demokratie und in ihre Institutionen. Dabei zeigte er sich stets als ein Mann der sachlichen Analyse und der klaren Worte. Pathos und Polemik gehörten nicht zu seinem rhetorischen Repertoire, wohl aber die Fähigkeit zur Selbstironie. Bis ins hohe Alter blieb er ein Vordenker – geerdet durch feste Überzeugungen und mit Blick nach vorn: ein Visionär mit Bodenhaftung.

Das Roman Herzog Institut ist seinem Ehrenvorsitzenden und Schirmherrn zu tiefem Dank verpflichtet. Wir werden sein Andenken in Ehren halten.

© Roman Herzog Institut e. V.