Freiheit quo vadis?

Zeichen der Freiheit in Zeiten der Unfreiheit

Das Roman Herzog Institut hat 10 Expert*innen aus seinem Netzwerk gebeten uns ihre Sichtweise auf den Satz „Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, damit ...“ darzulegen. Den Auftakt macht Professor Randolf Rodenstock.

 

 

 

 

Randolf Rodenstock, Vorstandsvorsitzender Roman Herzog Institut e. V.

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, damit ...

... sie weiter zum Nutzen aller mit ihrer Schwester, der Verantwortung, zusammenspielen kann. Wir erleben ja gerade in der Coronakrise, wie wichtig es ist, unsere Kontakt- und Bewegungsfreiheit einzuschränken, um die Ansteckungsrisiken zu minimieren. Natürlich fällt es manch einem schwer, die eigenen Bedürfnisse hinter das Wohl aller zurückzustellen. Doch gerade in diesen Zeiten zeigt sich im Verzicht auf lieb gewonnene Gewohnheiten Verantwortung: Die beste Verteidigung unserer Freiheit besteht also darin, dass jedes Mitglied unserer Gesellschaft Verantwortung für sich und andere übernimmt und dies nicht allein „dem Staat“ überlässt.“

Peter Paschek, Managementlehre

Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, …

…weil die individuelle Freiheit eine der wichtigsten Errungenschaften in unserer Kulturgeschichte ist. Diese Errungenschaft ist aber sehr zerbrechlich und stets gefährdet. Daher bedarf sie fortwährender Gestaltung, d.h. Pflege, Revitalisierung und Erneuerung.

Es sind drei Bedrohungen, die ständig über dieser Errungenschaft schweben: Zum einen unsere Neigung die Freiheit zu fürchten (Erich Fromm), zum anderen unsere Neigung, Errungenschaften wie die der Freiheit als Selbstverständlichkeit hinzunehmen und sie nur noch zu konsumieren, anstatt an Ihrer Erhaltung und Gestaltung mitzuwirken. Drittens wird es uns gerade in den gegenwärtigen digitalen Zeiten leicht gemacht, aufgrund unserer Neigung zur Bequemlichkeit in die Unmündigkeit zurückzukehren, indem wir zahlreiche Entscheidungen für unsere Lebensführung an Virtuelle Assistenten - Apps delegieren. Freiheit aber geht immer einher mit Verantwortung und Verantwortung ist nicht delegierbar!

Politik ist die Kunst aus Gelegenheiten, Ereignisse zu machen. Die gegenwärtige Krise bietet eine einzigartige Möglichkeit für die Führenden in Politik und Wirtschaft, den Bürgern die Mitwirkung an der Gestaltung unserer Demokratie wieder attraktiv zu machen. Zur rechten Zeit kommt daher die Forderung des Ethikrates an die Bundesregierung, in der Zivilgesellschaft eine breitere Debatte über die Maßnahmen der Corona Krise einschließlich der Lockerung dieser Freiheitsbeschränkungen zu initiieren und damit die Bürger.in die Gestaltung dieser Maßnahmen einzubeziehen.

Die Umsetzung dieser Forderung wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg unsere ein wenig stumm gewordene Gesellschaft zu einer offenen Gesellschaft wiederzubeleben, zu einer Gesellschaft die bestimmt ist von einem zivilisierten Umgang mit Meinungsunterschieden und kompromissorientierten Lösungen von Konflikten. „Es gibt nichts in seinem Leben, was der Mensch nicht machen müßte, wofür er nicht zu sorgen hätte, was er nicht zu gestalten hätte.“ (Helmuth Plessner)

 

 

 

 

Claudia Peus, Forschungs- und Wissenschaftsmanagement

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, ...

..., denn sie erfährt gegenwärtig nicht nur die offensichtlichen Einschränkungen sondern durch die Digitalisierung vielerorts auch schleichende, zunächst kaum fühlbare. Es ist möglich geworden, den Einzelnen sekundengenau zu überwachen und Entscheidungen an Algorithmen zu übertragen. Umso mehr müssen wir uns individuell und als Gesellschaft fragen, für welche Werte wir stehen wollen und diese verteidigen.“

 

 

 

 

Jürgen Weibler, Betriebswirtschaft

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, ...

… , damit wir morgen keiner kollektiven Irrationalität unterliegen."

 

 

 

 

Ursula Weidenfeld, Journalistin

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, ...

… , weil sie in jeder neuen Krise beschnitten und hinterher nur mit tiefen Gebrauchsspuren zurückgegeben wird. Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen. Daran wollen wir uns nicht gewöhnen."

 

 

 

 

 

 

Karl Homann, Philosophie

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, ...

… , indem wir die aktuellen Handlungs- und Bewegungseinschränkungen daraufhin beurteilen, ob sie die Freiheit einschränken oder nicht eher dem Erhalt der Freiheit in einer Notlage dienen, was von zahlreichen Faktoren wie insbesondere der Geeignetheit, Dauer und Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen abhängt. Grundsätzlich beruht individuelle Freiheit auf dem sanktionsbewehrten Verbot von bestimmten Handlungsoptionen wie Raub, Betrug usw., aber auch von hohen Geschwindigkeiten in Baustellen und Wohngebieten und dergleichen mehr. Wir sollten uns im Eifer des Gefechts nicht in eine ähnliche Lage manövrieren wie weiland der ADAC, als er die Einführung der Gurtanlegepflicht im Auto als Beschränkung der persönlichen Freiheit kritisierte."

 

 

 

 

Rolf Gröschner, Rechtsphilosophie

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, damit ...

 ...in Zeiten der Unfreiheit Zeichen der Freiheit gesetzt werden. Ein Zeichen der Freiheit für sich kann setzen, wer die Beschränkung seiner privaten Freiheit zur Bewältigung der Corona-Krise mit der Erhaltung öffentlicher Freiheit in unserer freistaatlichen Ordnung begründet. Ein Freiheitszeichen für Andere kann setzen, wer den physischen Abstand zu ihnen (ohne sprachliche Sensibilität „soziale Distanz“ genannt) durch solidarisches Handeln und soziale Nähe überbrückt. Beides zusammen kann zum Zeichen der Hoffnung auf eine Zukunft werden, in der die Freiheit höher geschätzt wird als vor der Krise, und zwar nicht nur die private oder persönliche Freiheit aller Einzelnen, sondern auch die öffentliche oder politische Freiheit Aller."

 

 

 

 

Dieter Frey, Wirtschaftspsychologie & Nadja Bürgle, Psychologie

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, ...

..., da die Corona-Krise ein Spannungsfeld zwischen Gesundheitsschutz und Freiheitsrechten erzeugt. Freiheit ist die Grundvoraussetzung für eine demokratische, offene Gesellschaft, in der sich jeder Einzelne entfalten kann. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Freiheit untrennbar mit Verantwortung verbunden ist - mit der Verantwortung jedes Einzelnen für sich selbst, seine Mitmenschen, die Gesellschaft und Weltgemeinschaft. In Ausnahmesituationen wie dieser ist es notwendig, zielführende, verhältnismäßige und zeitlich begrenzte Maßnahmen des Krisenmanagements zu akzeptieren, auf ein Stück eigene Freiheit zu verzichten und damit Verantwortung für das Wohlergehen der Mehrheit zu übernehmen."

 

 

 

 

Theresa Eyerund, Verhaltensökonomik

„Wir müssen heute unsere Freiheit verteidigen, damit ...

… sie in Zukunft ihre schöpferische und kreative Wirkung entfalten kann. Die Krise zeigt uns, wie wichtig Innovationen und Fortschritt – nicht nur medizinischer und technischer Art – sind. Freiheitliche Bedingungen sind der ideale Nährboden, um diesen Fortschritt zu fördern – und über ihn zu streiten. Gerade merken wir, wie wichtig Austausch, Kontroverse und Diskurs sind. Dafür braucht es Freiheit.

 

 

© Roman Herzog Institut e.V.