Roman Herzog Forschungspreis 2017

Festvortrag „Ökonomische Perspektiven in Zeiten von Brexit und Trump“

Mehr Wettbewerb wagen und überfällige Reformen anstoßen – diese Empfehlung zog sich wie ein roter Faden durch die Festveranstaltung zur Verleihung des Roman Herzog Forschungspreises 2017. Mit dem Forschungspreis werden jährlich Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet, die mit ihrer Arbeit zur Weiterentwicklung unserer Wirtschaftsordnung beitragen. Im Mittelpunkt des Festakts stand außerdem der Vortrag von Dr. Isabel Schnabel, Professorin für Finanzmarktökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und eine der fünf Wirtschaftsweisen. Die Expertin zog eine verhalten optimistische Bilanz der ökonomischen Situation in Deutschland:
Der anhaltende Aufwärtstrend sei grundsätzlich positiv. Doch der deutschen Wirtschaft drohe eine Überhitzung. Außerdem sei die Zukunftsfähigkeit des Landes nicht gesichert. Kritik äußerte Schnabel an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Nebenwirkungen dieser Politik träten immer deutlicher zutage. „Die EZB-Politik schwächt tendenziell die Reform- und Konsolidierungsbereitschaft im Euroraum, und die Risiken für die Finanzstabilität steigen“, so die Expertin. Deutschland tue gut daran, die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte fortzusetzen.

Auch nach Ansicht des zweiten Preisträgers, Dr. Ekkehard Köhler, sollte die deutsche Finanzpolitik weiterhin dem Konsolidierungspfad folgen. In seiner Dissertation „Essays on Fiscal and Monetary Policy“ befasst sich der Ökonom mit der Frage, wie die Schuldenkrise in der Eurozone zu lösen ist. Sein Fazit: Eine stabile Fiskalverfassung in den Mitgliedstaaten der Europäischen Währungsunion kann maßgeblich dazu beitragen, den Euro als Gemeinschaftswährung zu erhalten. Für die nötigen Reformen ist die Zustimmung der Bürger einzuholen, sagte der Preisträger.

Reformen sind auch nach Auffassung von Isabel Schnabel entscheidend für die Zukunft der Europäischen Union. Das europäische Projekt sei –angesichts des Brexit und der protektionistischen Politik Trumps – wichtiger denn je. Doch dabei solle dem Subsidiaritätsprinzip wieder mehr Beachtung geschenkt werden. Die Expertin empfiehlt, „die aktuellen politischen Entwicklungen nicht blind mit mehr Integration zu beantworten, sondern differenziert zu fragen: Wo ist Integration sinnvoll und wo ist es sinnvoller, die nationale oder regionale Eigenständigkeit zu stärken?“. Während sie in der Flüchtlings- und Klimapolitik für ein gemeinsames Vorgehen der EU-Staaten plädiert, hält sie die Fiskal-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in erster Linie für nationale Belange.

Mehr Vielfalt und mehr Wettbewerb ist auch das Anliegen des ersten Preisträgers, Dr. Julian Müller. In seiner Dissertation „Polycentric Democracy. Making Use of Diversity“ spricht der Philosoph sich dafür aus, mehr Freiräume für institutionelle Konkurrenz zu schaffen. Neue, auch unkonventionelle Ideen müssten sich in der Praxis bewähren können. Denn nicht immer ist der Erfolg etwa von sozialpolitischen Maßnahmen im Voraus erkennbar. Unterschiedliche ethische und sozioökonomische Vorstellungen sind Müller zufolge in einer modernen Demokratie keine Bedrohung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern Motor für den Fortschritt.

Die Bedeutung des Wettbewerbs wurde von den Preisträgern und Gästen beim Generationentalk diskutiert. In welchen gesellschaftlichen Bereichen sorgt Wettbewerb für Innovation? Wo brauchen wir mehr, wo weniger davon? Laut Finanzexpertin Schnabel sollten Marktmechanismen auch dort zum Zuge kommen, wo sie bisher kaum angewendet wurden, wie etwa im Gesundheits- und Pflegewesen: „Dieser Sektor wird immer wichtiger und teurer, er wird in Zukunft nur funktionieren, wenn wir ihn effizient ausgestalten.“ Allerdings sei Augenmaß ratsam, wenn es um sensible Bereiche wie etwa Organspenden geht.

Einen wissenschaftlichen Beitrag zum Dritten Sektor liefert der dritte Preisträger, Dr. Friedrich von Schönfeld, mit seiner Dissertation „Leitungs- und Kontrollstrukturen in gemeinnützigen Organisationen“. Der Jurist kommt zu dem Ergebnis, dass ein einheitlicher Kodex die Transparenz und Effektivität im Non-Profit-Sektor erhöhen und die Kontrollfunktion des Wettbewerbs stärken würde.

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