Perspektive(n) Gerechtigkeit
Veranstaltungsrückblick
Gerechtigkeit ist essenziell für das gesellschaftliche Miteinander – doch gehen die Ansichten darüber, was gerecht oder ungerecht ist, oft weit auseinander. Beim Wissenschaftlichen Symposium des Roman Herzog Instituts (RHI) am 13. November 2025 in München standen die „Perspektive(n) Gerechtigkeit“ im Mittelpunkt.
Perspektive(n) Gerechtigkeit
„Gerechtigkeit ist ein wichtiges soziales Bindemittel und ein Schlüsselthema für unsere Gesellschaft“, erklärte der RHI-Vorstandsvorsitzende Professor Randolf Rodenstock zur Eröffnung des Symposiums. „Deshalb ist es wichtig, diesem schillernden Begriff mit wissenschaftlicher Genauigkeit auf den Grund zu gehen.“ Dazu waren zehn Wissenschaftlerinnen und Experten aus unterschiedlichen Fachgebieten ins Haus der Bayerischen Wirtschaft geladen. Sie beleuchteten in kurzen Impulsvorträgen verschiedenste Aspekte von Gerechtigkeit.
Gräueltaten vor Gericht
Einen historischen Einstieg ins Thema bot eine Ausstellung des Bundesarchivs im Foyer über die sogenannten Rastatter Prozesse: 20 große Strafverfahren mit mehr als 2.000 Angeklagten, die zwischen 1946 und 1954 im Rastatter Schloss in der französischen Besatzungszone gegen Verantwortliche der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft durchgeführt wurden. Die Regisseurin Judith Voelker, die dieses wenig bekannte Kapitel der Nachkriegsgeschichte filmisch aufgearbeitet hat, und die Rechtshistorikerin Marlene Kottmann erklärten in ihrem Vortrag die grundlegenden Herausforderungen bei der juristischen Bewältigung von Kriegsverbrechen.
Fairness first!
Gerechtigkeit ist nicht allein eine Frage der Rechtsprechung – wir beurteilen meist intuitiv, was fair oder unfair ist. Und beim Bauchgefühl bleibt es nicht: Denn wahrgenommene Gerechtigkeit fördert den sozialen Zusammenhalt und die Motivation, sich für das Gemeinwesen zu engagieren, sagte der Wirtschaftsethiker Nils Goldschmidt in seinem Talk. Er hält das Streben nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit nicht für Sozialromantik, sondern für ökonomische Klugheit. Auch in Unternehmen führe Fairness zu mehr wirtschaftlichem Erfolg. Unverzichtbar dafür seien klare Regeln, transparente Entscheidungsstrukturen und ein Klima des Respekts, erklärte der Volkswirt Frank Müller.
Opfer-Wettbewerb und Moralspektakel
Wer sich dagegen dauerhaft ungerecht behandelt fühlt, neigt nach Ansicht des Sozialpsychologen Mario Gollwitzer dazu, die „Opfer-Karte“ zu spielen. Ihm zufolge erleben sich aktuell mehr Menschen denn je als Opfer von Ungerechtigkeit. Solche Opfer-Narrative tragen dazu bei, gesellschaftliche Konflikte zu verschärfen – und werden darum gezielt von extremen Parteien bedient.
Dass viele Gerechtigkeitsdebatten wenig zur Problemlösung beitragen, liegt nach Auffassung von Philipp Hübl auch daran, dass sie vor allem von Akademikern geführt werden. Diese teilen meist dieselben blinden Flecken und vernachlässigen deshalb häufig Aspekte wie die soziale Herkunft. Zudem gehe es Akademikern in Diskursen über Gerechtigkeit oft eher um die Zurschaustellung der eigenen moralischen Haltung als um die Sache selbst, kritisierte der Philosoph.
Grundsätze im Widerspruch
Ist Gleichbehandlung immer gerecht und Ungleichbehandlung ungerecht? In der Medizin stehen vor allem der individuelle Bedarf des Patienten und die situationsabhängige Dringlichkeit im Fokus, erläuterte die Medizinethikerin Nadia Primc. Deshalb sei das aristotelische Prinzip, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln, bis heute eine moralische Leitschnur in der Medizin. Diese Auffassung hat weitreichende Konsequenzen, etwa wenn es um die Triage oder die Frage der Therapiebegrenzung am Lebensende geht.
Nach dem Bedarfsprinzip ist auch der Sozialstaat seit seiner Gründung durch Otto von Bismarck organisiert. Gewandelte gesellschaftliche Bedingungen machen es jedoch erforderlich, auch andere Leitlinien der Gerechtigkeit anzuwenden, etwa den Leistungsgedanken und das Prinzip der Gegenseitigkeit, so der Soziologe Stefan Liebig.
Im globalen Maßstab erschweren es unterschiedliche kulturelle, politische oder religiöse Prägungen, sich auf normative Vorstellungen über Gerechtigkeit festzulegen. Zielführender als die Suche nach absoluter Gerechtigkeit ist es nach Ansicht der Politikwissenschaftlerin Regina Kreide, die Wahrnehmung für ungerechte Strukturen generell zu schärfen und sich für die Mitsprache einer breiten Öffentlichkeit in der Gerechtigkeitsdebatte einzusetzen.
Ehre im Diesseits, Aussicht aufs Jenseits
Am Ende der Veranstaltung wurde Marius Drozdzewski als Gewinner des diesjährigen RHI-Essay-Wettbewerbs ausgezeichnet, der zur Frage „Was bedeutet Gerechtigkeit heute?“ ausgeschrieben war. Sein Beitrag ist als RHI-Publikation „Gerechtigkeit anders denken – Vom Nullsummenspiel zur Wachstumsperspektive“ erschienen. Die Laudatio hielt der Historiker Michael Wolffsohn, dem anschließend ebenfalls eine besondere Auszeichnung zuteilwurde: Der RHI-Vorstandsvorsitzende Rodenstock ernannte den renommierten Publizisten und Nahost-Experten zum Mitglied im RHI-Ehrenbeirat.
Im Gespräch mit dem Moderations-Duo Amélie Leclère und Johannes Schöneberger sprach Rodenstock abschließend über seine persönliche Verbindung zum Thema Gerechtigkeit: „Der frühere Münchner Kardinal Wetter hat mir einmal gesagt, wahre Gerechtigkeit könne es nur im Jenseits geben. Darauf möchte ich aber nicht warten – und deshalb werden wir uns am RHI immer wieder mit Fragen der Gerechtigkeit und anderen relevanten Themen unserer Zeit befassen!“
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Publikationen der Redner:innen
IMPULSE 2023
Wir leben in Zeiten des Umbruchs und sehen uns mit einer Reihe von Themen konfrontiert, die für unsere Zukunft – lokal wie global – existenziell sind. Mit den RHI-Impulsen möchte das Roman Herzog Institut hierzu Denkstöße liefern und Orientierung bieten. Deshalb haben wir haben namhafte Wissenschaftlerinnen und Experten danach gefragt, was zu tun ist, um aktuelle und künftige Herausforderungen zu meistern. Im Interview zu wirtschafts-, energie- und klimapolitischen Fragen ermuntert uns Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts München, dazu: „Wir müssen ideologiefreier denken.“ Lesen Sie weitere Beiträge von
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Gerechtigkeit im Unternehmen
Ist Gerechtigkeit im Betrieb ein moralischer Luxus, den man sich leisten können muss? Nein – so der Betriebswirt und Organisationsexperte Frank Müller. Denn fühlen sich Beschäftigte, Kunden oder Lieferanten unfair behandelt, schadet dies auf Dauer der Resilienz und der Profitabilität eines Unternehmens. Mithilfe des vom Autor entwickelten „Gerechtigkeitsradars“ lassen sich systematisch Defizite im Unternehmensalltag aufdecken und positive Praktiken erfassen. Die Heuristik umfasst Gerechtigkeit auf sechs betrieblichen Ebenen in fünf Dimensionen – und zwar hinsichtlich Verteilung, Verfahren, Interaktion, Information und kultureller Diversität. Anwendungsbeispiele – etwa zu Personalmanagement, Organisationsentwicklung und strategischer Unternehmensführung – runden den praxisorientierten Leitfaden ab. Dabei stellt Müller immer wieder Bezüge zum unternehmerischen Mittelstand in Deutschland her und zeigt Wege für erfolgreiches Change-Management auf.
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Neubeginn in der Krise
Die Allgegenwart von nationalen und internationalen Krisen erhöht den Erfolgsdruck auf die politische Führung: Sie muss Orientierung bieten und Lösungen finden. Anhand ausgewählter Beispiele aus der „Grand-Strategy-Forschung“ zeigt der Autor Benedikt Putz: Gesellschaftliche und ökonomische Umwälzungen waren zudem oft ein Motor für Fortschritt. Ein Patentrezept für den Umgang mit Krisen gibt es nicht. Denn jede Krise hat ihre Besonderheiten. Umso mehr kommt es auf gute strategische Führung an. Dies verlangt, eingefahrene Denkmuster zu durchbrechen und pragmatische Lösungen zu finden. Zudem sind Beständigkeit und Weitsicht gefragt. Demokratische Gesellschaften sind auf strategische Führungskulturen angewiesen, die es den Verantwortlichen ermöglichen, langfristig zu planen und entsprechend zu handeln. Dafür ist auch ein Umdenken in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nötig. Dann können Krisen konstruktiv gestalten werden, statt nur kurzfristig auf sie zu reagieren.
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