Wie aktuell ist „Der Zauberberg“ von Thomas Mann?
Veranstaltungsrückblick
Im Jahr 1924 veröffentlicht, spielt „Der Zauberberg“ in der alten Welt vor dem Ersten Weltkrieg – und doch hat Thomas Manns monumentaler Roman nichts von seiner Aktualität verloren. Beim ersten öffentlichen Literaturformat des Roman Herzog Instituts (RHI) diskutierten drei ausgewiesene Kenner des Werks die Frage, die Vorstandsvorsitzender Randolf Rodenstock bewusst offen formuliert hatte: „Was kann uns Thomas Mann und sein Zauberberg für die Gegenwart sagen?“ Der Abend im vollbesetzten Literaturhaus München zeigte: Der Roman ist nicht trotz, sondern wegen seiner schwebenden Ambivalenz von erschreckender Aktualität.
Die Moderatoren Dr. Martin Lang und Tina Maier-Schneider (RHI) hatten drei Gäste eingeladen, die das Werk aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten: Prof. Dr. Oliver Jahraus (LMU München) analysierte den „Zauberberg“ als Zerrspiegel der Gesellschaft, in dem Verführung und politische Gefahr strukturell zusammenfallen. PD Dr. Markus Gasser (YouTube-Kanal „Literatur ist Alles“) plädierte dafür, den Roman nicht psychologisch-realistisch, sondern als literarisches Kunstwerk einer ganz eigenen Romantradition zu lesen – von Rabelais bis García Márquez. Prof. Dr. Kai Sina (Universität Münster) stellte den Roman in den Kontext von Manns politischer Entwicklung: Der „Zauberberg“ schildere das Problem einer Gesellschaft, die keine gemeinsame Wahrheit mehr findet. Manns Rede „Von deutscher Republik“ (1922) sei der Versuch einer Antwort darauf: Demokratie als einzige Staatsform, die Vielstimmigkeit aushält.
Die Diskussion kreiste um ein zentrales Motiv: Im Roman beschwört Hans Castorp den Tod – bis der Schneetraum eine Einsicht aufblitzen lässt, die er im Komfort des Berghofs sofort wieder vergisst. Genau diese Dialektik beschäftigte das Podium: Gesellschaften, die ihre Pluralität nicht mehr aushalten, versinken in Gereiztheit, Nervosität und schließlich Gewalt – ein Muster, das der Roman mit psychologischer Präzision vorführt, ohne eine Lösung anzubieten. Ob Literatur heute noch Leitmedium sein kann, blieb bewusst kontrovers.
Randolf Rodenstock zog am Ende ein nachdenkliches Fazit: Die Frage nach der Aktualität des „Zauberbergs“ müsse letztlich jede und jeder für sich beantworten – der Abend habe sie zumindest eingekreist.
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