Salonstreitgespräch

10. Salonstreitgespräch "Welchen Mehr-Wert liefert kulturelle Vielfalt"

Wie wert-voll ist die Vielfalt?

Die Diskussion um Werte hat Hochkonjunktur. Dabei polarisieren sich die Meinungen: Während die einen die kulturelle Vielfalt in unserer offenen Gesellschaft als Mehr-Wert ansehen, fürchten andere die Zunahme von Spannungen und Konflikten. Das Roman Herzog Institut ging in seinem 10. Salonstreitgespräch grundlegenden Fragen nach: Welche Werte gehören zu uns? Gibt es noch verbindliche Vorstellungen darüber, was „richtig“ und was „falsch“ ist? Bereichert Verschiedenartigkeit ein Gemeinwesen – oder belastet sie das Zusammenleben?

„Schon immer hat das Thema Werte im Rahmen der Salonstreitgespräche eine wichtige Rolle gespielt“, betonte der RHI-Vorsitzende Randolf Rodenstock anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Veranstaltung. Angesichts der aktuellen Wertedebatte sei es an der Zeit, sich ausführlicher damit zu beschäftigen. Auch und vor allem weil das Thema Migration derzeit die Debatte beherrsche, wolle man den Blick auf Grundsätzliches richten: Was sind Werte? Gibt es einen Kern von Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft? Was hat sich durch die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern verändert?

In der kontrovers geführten Diskussion ging es zunächst um eine inhaltliche Annäherung an den Wertebegriff. Wolfgang Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, erhob die Menschenwürde zum Schlüsselbegriff in der Wertediskussion. In der heterogenen Gesellschaft komme es darauf an, die „gleiche Würde der Verschiedenen“ zu wahren. Das Konzept der Pluralität sei nicht gleichzusetzen mit einer Beliebigkeit der Wertvorstellungen – es funktioniere nur, wenn jeder wisse, wofür er steht.

Der Historiker Andreas Rödder, Autor des Buchs „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“, begrüßte die Pluralität von Wertvorstellungen als einen Ausdruck von Freiheit. Ihr gesellschaftlicher Nutzen sei erwiesen. Kritisch beurteilte dagegen die Publizistin Ursula Weidenfeld die kulturelle Vielfalt. Viele Menschen fühlten sich heute damit überfordert, dass Diversität zur Leitkultur erhoben worden sei. Einen Kern verbindlicher Wertvorstellungen sieht Ursula Weidenfeld als unerlässlich für ein reibungsloses Zusammenleben an. Wertedebatten seien oft auch Machtkonflikte, die von politischen oder wirtschaftlichen Eliten mit dem Ziel geführt würden, ihre Interessen durchzusetzen.

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Für die Politikwissenschaftlerin Esra Küçük, Initiatorin des deutschlandweiten Bildungsprogramms „Junge Islam Konferenz“, ist die kulturelle Vielfalt in Deutschland längst gelebte Realität: Jeder fünfte Deutsche habe einen Migrationshintergrund. Die Haltung der meisten Bürger zu dieser Vielfalt sei jedoch ambivalent. In allen Generationen gelte Diversität heute zwar als erklärter Wert, sie werde aber im täglichen Miteinander als anstrengend erlebt und teilweise abgelehnt.

Auch wenn etliche Fragen (noch) unbeantwortet blieben, gab die Diskussion einen guten Überblick über unterschiedliche Standpunkte in der Wertedebatte. „Meine Hoffnung, dass auch gestritten wird, hat sich erfüllt“, konnte Gastgeber Randolf Rodenstock am Ende der Veranstaltung zufrieden feststellen.

Referenten

Prof. Randolf Rodenstock

Wirtschaft, Ökonomie

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