Statuspanik Mittelschicht?

1. Interdisziplinäres Werkstattgespräch

1. Interdisziplinäres Werkstattgespräch

Neues Veranstaltungsformat bildet den Auftakt zum aktuellen RHI-Thema

„Die Mitte in Deutschland schrumpft“, davon sind viele Menschen zwischen Aachen und Zwickau überzeugt. Empirische Untersuchungen zeigen indes, dass es der Mittelschicht in Deutschland seit über zehn Jahren wirtschaftlich gut geht. Die Mittelschicht schrumpft nicht, die Risiken der Arbeitslosigkeit sinken. Beim 1. Interdisziplinären Werkstattgespräch des Roman Herzog Instituts diskutierten neun Experten über Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit: Welche Ängste und Sorgen treiben die Menschen um? Und wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?

Der Begriff Mittelschicht ist mehr als eine ökonomische Kategorie. Er steht auch für bestimmte Werte und Orientierungen. Nach Ansicht des Soziologen Stefan Hradil wirkt eine prosperierende und zufriedene Mittelschicht als gesellschaftlicher Puffer und Garant für Stabilität. Wie kaum eine andere gesellschaftliche Gruppe identifiziert sich die Mittelschicht dann mit den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft. Dazu gehört die Überzeugung, dass jeder den sozialen Aufstieg schaffen kann.

Dieses Versprechen wird in Teilen der Mittelschicht durch den Strukturwandel infrage gestellt. Hier erzeugen Digitalisierung und Globalisierung Ängste, auch bei Menschen mit einer akademische Ausbildung. Unter jungen Menschen sind Depressionen und Versagensängste nicht selten. Mehr als um die eigene materielle Situation sorgt man sich aber um die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands, so die Ökonomin Judith Niehues. Jeder Dritte hat Angst vor Kriminalität und Zuwanderung.

Nach Ansicht der Experten gerät in diesen Bevölkerungsgruppen die Identität der Mittelschicht in Gefahr. Das vertraute gesellschaftliche Umfeld und die eigenen Stellung darin, scheint den Menschen wegzubrechen. Teile der bürgerlichen Mitte gelangen in den Sog populistischer Bewegungen, demokratische Werte werden dort in frage gestellt. „Erschütterungen der Mittelschicht beeinflussen auch unsere politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wir brauchen eine starke Mittelschicht für eine zukunftsfähige Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung“, sagt vbw Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Zufrieden mit den Diskussionsergebnissen zeigte sich Gastgeber und RHI-Vorstandsvorsitzender Randolf Rodenstock: „Wir haben eine Fülle von Fragen und Anregungen gewonnen, die wir in der nächsten Zeit vertiefen wollen. Unser Ziel ist es, Mythen zu enttarnen und neue Sichtweisen zum Thema Mittelschicht zu entwickeln – vor allem mit Blick auf die Zukunft der Arbeit.“

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